Zum Inhalt springen

„Wenn Sie schmunzeln müssen, dann  …

Interview_GruschwitzWolfgang_Portrait

Wolfgang Gruschwitz, Gründer und Geschäftsführer der Gruschwitz GmbH

 

Was das Schmunzeln mit Best-Practice am POS zu tun hat, wie die Erfahrung der vergangenen Monate den Ladenbau der Zukunft beeinflussen wird und Tipps für kurzweilige Warteschlangen verrät Wolfgang Gruschwitz im Interview mit TOP FAIR. Er ist Gründer und ­Geschäftsführer der Gruschwitz GmbH. Das Design- und Realisierungsbüro gestaltet Läden, Showrooms und jede Art von Raum, in dem sich Kunden und Endverbraucher wohlfühlen sollen.

: Zu Beginn fallen wir direkt mit der Tür in den Laden: Was sind die häufigsten Fehler bei der POS-Gestaltung, die Ihnen begegnen?

Aktuell können ja kaum Fehler begangen werden: Die Hauptsache ist, die Kundschaft wird angelockt und betritt das Geschäft – sofern sie darf.

Lässt man das mal außen vor und betrachtet die Läden an sich, macht der Handel leider seit Jahren oft dieselben Fehler:

Das Virtual Merchandising wird vernachlässigt, die Ware wird nicht appetitlich präsentiert und stattdessen nach wie vor der Preis zur Schau gestellt. So schlimm es klingt: Sales und Alles-muss-raus-Aktionen wirken bei Deutschen und Schnäppchen wollen gejagt werden. Allerdings hilft das nur, um Überhänge rauszubekommen. Neue Kollektionen verkaufen sich deshalb nicht besser.

Dann ist das Personal leider oft nur mäßig motiviert und die Masken machen diese Wahrnehmung nicht besser. Der Hinweis auf den Onlineshop als Antwort auf eine Frage wirkt nicht kompetent. Und das berührt auch den nächsten Punkt: Digitalisierung am POS wird – wenn überhaupt vorhanden – eher vernachlässigt und mit alten, nicht mehr aktuellen ­Inhalten bespielt.

Derzeit gewinnt die korrekte und gut sichtbare Beschilderung an Bedeutung. Wenn Einkaufen vor Ort an feste Time-Slots gebunden ist, ist Zeit kostbar und Kunden verlangen nach klaren Orientierungshilfen, die Entscheidungsprozesse ver­einfachen und zudem Sicherheit vermitteln.

Außerdem sind Ordnung und Sauberkeit sowie Licht noch immer Themen, die nicht die nötige Aufmerksamkeit bekommen. Ein gepflegtes Erscheinungsbild ist insbesondere nach der langen Schließzeit umso wichtiger.

 

: Und wie können es all jene, die sich nun ertappt fühlen, künftig besser machen?

Es geht darum, die Kunden mit überraschenden Entdeckungen zu inspirieren. Man spricht dann auch von sogenannten Serendipity-Faktoren. Kombiniert mit einem QR-Code oder einem Hinweis auf weitere Produkte im Onlineshop bedient das die Kundenbedürfnisse leicht, schnell und bequem. Im Food-Markt muss darüber hinaus Frische und Convenience ins Auge springen und überzeugen.

Trends hervorzuheben, ist zudem sehr wichtig. Es sollte aber nicht nur um Trends rund ums Kernprodukt gehen. Es darf auch etwas größer gedacht werden.

Und jetzt aktuell sind nach den Frustmonaten Freude und Herzlichkeit – auch nonverbal – notwendig. Aber auch dem Bedürfnis nach Hygiene und Distanz gilt es, weiterhin gerecht zu werden. Kopierte Hygiene-Zettel reichen da bei Weitem nicht aus. Besser ist es, die notwendigen Maßnahmen und Regeln kreativ darzustellen und mit einer gewissen Freude und Spaß zu vermitteln – das zeigt Innovation, Esprit und Empathie.

Ein Tipp für Kassenschlangen, die durch die Abstände noch länger erscheinen: Mit Deko-Points oder anderen Faszinationspunkten wird das Anstehen in egal welcher Schlange kurzweilig. Das kann man beispielsweise mit gezielt platzierten Informationen oder einfach nur mit aufmunternden Worten kombinieren, um den Kunden noch etwas mitzugeben.

 

„Wichtig ist, dass Sie etwas tun, denn das zeigt dem Kunden, dass Sie sich bewegen und nicht im Stillstand verharren.“

 

: Inspirierende Best Practice-Beispiele gibt es reichlich. Wie findet man den Look und das Konzept, das zu einem passt?

Was Sie selbst zum Schmunzeln bringt, bringt meistens auch andere dazu. Überprüfen Sie Ihr Geschäftsmodell und über­legen Sie, was noch zu Ihnen und Ihren Kunden passen könnte – dann machen Sie sich auf die Suche nach entsprechenden Partnern und Netzwerken. Kooperieren Sie mit Geschäften und Dienstleistern um die Ecke: dem Bäcker, dem Schoko-­Laden, dem Food-Markt, dem Schneider, dem Foto-Shop, der Brauerei oder dem Weinhändler Ihres Vertrauens. Egal, was Sie machen, denken Sie über den Tellerrand hinaus und schalten Sie Ihre Intuition ein! Was können Sie tun, um attraktiv und interessant zu sein und zu bleiben?

Wichtig ist, dass Sie etwas tun, denn das zeigt dem Kunden, dass Sie sich bewegen und nicht im Stillstand verharren.

 

: In den vergangenen Monaten galt es, den POS ansprechend zu gestalten und gleichzeitig Hygienekonzepte umzusetzen. Wie werden diese Erfahrungen den Ladenbau der Zukunft beeinflussen?

Sehr stark, denn der Ladenbau ist immer eine Reflexion des Kundenverhaltens. Der Laden dient nicht mehr als bloßes Warenlager, sondern ist vielmehr als Inspirationsquelle, Informations- und Netzwerkplattform zu begreifen.

Der Abstand zwischen den Menschen wird auch weiterhin andauern und Masken werden uns noch einige Zeit begleiten – natürlich nicht alle und überall, doch in den öffentlichen Bereichen wird man vorsichtig bleiben.

Nachhaltige Materialien und größere Räume werden gefordert, bargeldloses Bezahlen per App wird die Smart Shops beschleunigen und die Checkout-Zone wird freizügiger gestaltet.

 

: Welche Trends sehen Sie außerdem auf uns zukommen?

Die Bedeutung von bargeldlosem Zahlen wird immer größer und folglich müssen Kassenzonen komplett überholt werden. Die Gestaltung von Kabinen, Gastro-Zonen und Bars wird chilliger und intimer werden. Insgesamt wird es mehr Integrationsmöglichkeiten von Produkt und Marke für Kunden geben. Individualisierungen, Just-in-Time-Lieferungen und Konzepte wie Click & Reserve, Click & Meet und Click & Collect entwickeln sich zum Standard.

Die direkte Ansprache für neue und vor allem passende Produkte wird weiter zunehmen. Kunden setzen es mittlerweile voraus, dass Händler die persönlichen Vorlieben sowie Gewohnheiten kennen und sich darauf einstellen. Dadurch steigt die Erwartungshaltung hinsichtlich Vorauswahlen und zusätzlicher Überraschungen.

Ich denke außerdem, dass Mieten und Sharing – um die Produkte in einen Kreislauf zurückzuführen – ebenfalls vermehrt gefragt sein werden.

Der Händler wird künftig viele Dinge anbieten, die er nur vermittelt und die nicht mehr seine Kernkompetenz sind – die Community genießt es dabei, Zeit zu sparen und die Glaubwürdigkeit der Marke auf andere Produkte und Dienstleistungen zu übertragen.

 

: Neben Gestaltungskonzepten für den stationären Handel bieten Sie auch Strategien für eine digitale Präsenz und einen sichtbaren Online-Auftritt. Wie verknüpft man analoge und digitale Einkaufserlebnisse?

Die Technik soll eine zusätzliche Emotionalisierung des Einkauferlebnisses im Geschäft liefern und das Personal vor Ort unterstützen. Voraussetzung ist eine gute Schulung der Verkaufsberaterinnen und -berater im Umgang mit der Technik. Dann kann die Kundenansprache ins Zentrum rücken und der Handel konzentriert sich auf seine Kernkompetenz – nämlich darauf, dass sich der Kunde im Geschäft wohl fühlt.

Die Erwartungshaltung hinsichtlich der Digitalisierung hängt dabei sehr stark vom Produktspektrum und auch von den jeweiligen Altersgruppen der Käufer ab. Im Fashion-Bereich und bei der jüngeren Zielgruppe wird ein digitalisierter POS erwartet und Individualisierungsmöglichkeiten sowie Konfiguration der Produkte bevorzugt.

Zusammen mit unserem Partnerunternehmen, der Waketo GmbH, haben wir hier spielerische Tools entwickelt, mit ­denen sehr erfolgreich am POS gearbeitet wird.

Aus der Ausgabe: Nordstil Sommer 2021

Das offizielle Messemagazin mit den neuesten Produkten und Informationen zur Messe. Weitere Ausgaben erscheinen zu den Veranstaltungen Christmasworld, Paperworld, Heimtextil und Ambiente.

DESKTOP-ANSICHT

Das könnte Sie auch interessieren: