Das offizielle Messemagazin der Messe Frankfurt

Im Zeichen des Union Jack – How very British

9. Februar 2017 Autor: TOP FAIR Redaktion
Kategorie: Allgemein, Geschenke & Dekoration, Haus & Wohnen, Küche & Haushalt

Das Partnerland der Ambiente ist in diesem Jahr das Vereinigte Königreich. In einer umfang­reichen Inszenierung werden Produkte britischer ­Aussteller vorgestellt. Kuratiert und gestaltet wird diese Ausstellung von der schottischen Designerin Janice Kirkpatrick. Die Schottin gehört zu den führenden Grafik- und Produktdesignern im Vereinigten Königreich und stellte uns im Interview ihre Pläne vor.

 

Könnten Sie unseren Lesern das Konzept der bevorstehenden Ausstellung zum Thema Partnerland näher erläutern? Was dürfen wir von ihr erwarten?

Wir leben in einer interessanten Zeit, ich habe also bei der Ausarbeitung der Ausstellung und der Auswahl der darin vorgestellten Produkte versucht, das Vereinigte Königreich aus meiner eigenen unorthodoxen Perspektive zu betrachten.
Ich habe speziell nach Unternehmen Ausschau gehalten, die unter schwierigen Bedingungen gewachsen sind. Veränderungen können durchaus fördernd sein, doch ständiger, unkalkulierbarer Wandel ist aufreibend und es ist schwer, daraus Kapital zu schlagen. Denn wir können Produkte gar nicht schnell genug entwerfen, es sei denn, wir tun dies auf oberflächliche Weise – und setzen nur auf Muster und Farben der Oberfläche – bzw. konzentrieren uns auf ‚Klassiker‘, die Modetrends überstehen. Ich habe nach nachhaltigen britischen Produkten gesucht, deren heutige Bedeutung und Wert morgen für Zuverlässigkeit sorgen.
Es heißt, das Vereinigte Königreich sei der ‚Dienstleistungssektor der Welt‘. Auf Basis dessen, was wir produzieren, umfasst unser Kompetenzbereich aber auch die Tische der Welt mit unserer Fülle an Silber und Besteck sowie Schränke voller Keramik – Produkte, die Kriege, Wirtschaftskrisen und technologische Revolutionen überlebt haben. Sie gehen mit klassisch-modernen Neuheiten auf Tuchfühlung. Diese Unternehmen erzählen bemerkenswerte Geschichten, die untrennbar mit den Gemeinschaften verbunden sind, in denen sie entstanden sind, sowie mit den Designern, die sie geschaffen haben.
Heute sind Produkte mit Herkunft und tiefen Wurzeln ein sicherer Hafen – solide, erkennbare, verlässliche Meilensteine in einem Meer aus typischen Dingen von überall und nirgendwo. Und in dieser globalisierten Welt gilt das gleiche für unsere Nationen. Es scheint, als sei man sich sogar bei unseren Nationalflaggen nicht sicher, deswegen habe ich sie tunlichst vermieden.
Stattdessen habe ich eine Kulisse aus fantastischen heimischen Tieren geschaffen – ‚lebendige Produkte‘, denen finanzpolitische Grenzen egal sind, die aber dennoch Aspekte des Handels, der Industrie und der Gemeinschaft untermauern. Wir können viel von diesen Tieren lernen sowie von unserer Neigung, rituell Koch- und Tischgeschirr und Besteck zu kaufen und zur Schau zu stellen – Produkte, die das Beiwerk und den Hintergrund für Esskultur, Meetings, Diplomatie und Geschäfte bilden.
Jedes meiner ‚lebendigen Produkte‘ wurde über Jahrzehnte entworfen und perfektioniert, ist unverkennbar schottisch, walisisch, irisch oder englisch und hat industrielle, landwirtschaftliche und politische Umbrüche überlebt.

Für Schottland habe ich das ikonische Clydesdale gewählt, für Irland den alten und äußerst beliebten Irischen Wolfshund, für England das magische White Park und für Wales das seltene, schöne und widerstandsfähige Balwen Welsh Mountain Schaf.
Jedes dieser Tiere war die Inspiration für eine gemusterte Tapete – als Hintergrund (und Hintergrundgeschichte) für eine Reihe von stattlichen ‚Speise­sälen‘, in denen meine Produktauswahl zur Schau steht. Das einzige Möbelstück in diesen Räumen ist eine sehr lange Anrichte – wir in Schottland nennen das ‚ormery‘ aus dem Französischen ‚armoire‘ –, auf der Besteck und Teller ausgestellt sind, die in Schottland traditionsmäßig nach unten zeigen!

 

Was ist Ihrer Meinung nach das Wesen guten Designs?

Etwas, das mit durchdachtem Geschick gestaltet wurde, das Bedeutung, verborgene Tiefe und Nutzen hat, das schön und zeitlos ist und nicht irritierend wirkt.

 

Sind manche Dinge denn typisch für britisches Design?

Zu den Dingen, die britisches Design unverwechselbar machen, gehören sein Erbe und Ikonoklasmus sowie seine Kreativität und Unberechenbarkeit. Britisches Design kann sich als extrem vielfältig präsentieren. Aber es ist die Kultur, die das Design hervorbringt, welche es typisch britisch werden lässt. Während der industriellen Revolution im 18. und 19. Jahrhundert wurden öffentliche Designschulen gegründet, um der britischen Kreativität einen kommerziellen Schwerpunkt zu verleihen. Das Vereinigte Königreich ist noch dazu eine Insel mit vier verschiedenen Nationen und vielen unterschiedlichen Regionen, Kulturen und Subkulturen, die aufeinander treffen und durch positive Spannungen Kreativität entfachen. Die Insel ist ja ziemlich klein, deshalb suchen wir außerhalb nach Kooperationspartnern und Möglichkeiten. Diese Mischung aus professionell-kreativem Prozess, internationaler Perspektive, kultureller Vielfalt und purer Energie macht britisches Design einmalig.

 

Ein erster Entwurf der Partnerland Ausstellung

 

Gibt es ein (klassisches) Design, egal in welcher Kategorie, das Sie so richtig begeistert?

Ich liebe die mutigen Neuwerke der Modernisten wie Mackintosh und Corbusier, das Bauhaus, Erich Mendelsohn sowie Ray und Charles Eames. Aber mir gefallen auch Werke aus dem Mittelalter, der Tudorzeit und der britischen Nachkriegszeit, darunter Textilien von Bernat Klein, Robert ­Stewart und David Whitehead. Skandinavisches Design finde ich auch toll, vor allem Berndt Friberg und Stig Lindberg. Ich habe eine Leidenschaft für lokale, handgearbeitete ­Produkte wie schottisches Lederpferdegeschirr aus dem 19. Jahrhundert! Zum Glück ist Design viel mehr also nur berühmte Designikonen, und die Auswahl ist enorm.

 

Gibt es ein aktuelles Designprodukt, das Ihnen sehr gut gefällt, und wenn ja, warum?

Mir gefallen Produkte, die bescheiden sind oder ihren wahren Wert langsam preisgeben und mit mir alt werden. Ich finde alte Produkte faszinierend, die in optimistischeren Zeiten konzipiert wurden, und Produkte, die sorgfältig gefertigt wurden bzw. eine Geschichte über ihre Herkunft erzählen. Ich verändere ständig Dinge in meinem Leben. Ich mag, wie sich tolles Besteck anfühlt und in der Hand liegt, z.B. das von Robert Welch und Arthur Price, und Geschirr von Denby, Portmeirion oder Wedgwood.

 

Erzählen Sie uns von Ihren jüngsten/derzeitigen Projekten neben der Ausstellung auf der Ambiente?

Mit 30 Designern und Architekten im Studio arbeiten wir bei Graven immer zeitgleich an mehreren Projekten in ­vielen verschiedenen Sektoren und Ländern.
Wir realisieren derzeit unser Konzept für das Radisson RED der Carlson Rezidor Hotel Group, mit dem wir letztes Jahr in Brüssel begonnen haben. Wir haben außerdem zwei VIP-Bereiche für das berühmte Anfield Stadion vom FC Liverpool erfolgreich umgesetzt. In der Vergangenheit haben wir in Edinburgh, Glasgow, Singapur und Washington eine Reihe von ‚Galleries Lounges‘ für British Airways erfolgreich auf die Beine gestellt und haben nun einen weiteren Auftrag erhalten. Ebenso entwerfen wir gerade eine Körperpflegemarke mit Verpackung für einen Kunden in Westafrika und haben unser Produktgeschäft samt Webshop gegründet, in dem wir Original-Graven-Produkte verkaufen. Ein abwechslungsreiches und aufregendes Leben!


Aus der Ausgabe:

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