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Aktivität zahlt sich aus

11. Januar 2019 Autor: TOP FAIR Redaktion
Kategorie: Allgemein

Online und offline sind keine Gegner – sie ergänzen sich. Tim Lagerpusch, Gründer und Geschäftsführer der Shop-Plattform Sugartrends, gibt Einblicke in die Möglichkeiten einer erfolgsorientieren Symbiose.

Tim Lagerpusch, Gründer und Geschäftsführer Sugartrends GmbH

: Herr Lagerpusch, stirbt der stationäre Einzelhandel?
Der Handel wird bleiben, aber viele Händler, die partout nicht mit der Zeit und ihren veränderten Kundenwünschen mitgegangen sind, werden verschwinden. Und das schon in atemberaubend schneller Zeit. Insgesamt muss man den stationären Handel heutzutage viel weiter denken. Es geht um die Orte, an denen Produkte erlebt werden können, Orte, an denen sie übergeben werden können und Orte, an denen Kunden Lust und Zeit für ein Shopping-Erlebnis haben. Der Handel ist heute so vielschichtig und lebendig wie nie zuvor, nur die Orte, an denen er stattfindet, sind im Wandel. Wir sollten aufhören, in den Vokabeln „stationär“ und „online“ als Gegenspieler zu denken. Es gibt in dieser Welt nichts Nicht-Digitales mehr.

: Was kann der Onlinehandel, was der Einzelhandel nicht kann, und andersherum?
Auch der Onlinehandel ist Einzelhandel. Und da gibt es große Händler und kleine Händler. Überall geht es in erster Linie um die Nähe zum Kunden. Der Händler, der online präsent ist, kann seine Kunden in viel mehr Situationen erreichen. Wenn man sich das mal am Schaufenster eines Ladengeschäftes verdeutlicht: Früher haben alle Passanten ins Schaufenster geguckt. Heutzutage guckt jeder zweite stattdessen beim Vorbeigehen auf sein Smartphone. Daran sieht man, wie wichtig es ist, im digitalen Schaufenster präsent zu sein.
Die Vorteile von Online-Bestellbarkeit sind, dass Kunden rund um die Uhr shoppen können und viele zur selben Zeit, ohne sich gegenseitig im Weg zu stehen. Eine Produktempfehlung an Freunde erfolgt denkbar einfach per Teilen des Links, der Endverbraucher kann viele Läden parallel durchstöbern und spart Fahrwege. Mit der Lieferung von Produkten kann der Händler auch Kunden in weiterer Distanz erreichen.  Ganz zu schweigen von der Freude, die die meisten Menschen haben, wenn sie ein Paket empfangen.
Das Ladengeschäft kann gegenüber reinen Onlineshops mit einer echten Szenerie, mit Raumgefühl und einer Stimmungswelt punkten. Man kann in einem Laden die Produkte anders inszenieren, als es online bisher möglich ist. Und Kunden können anfassen, ausprobieren, riechen und schmecken.

: Wie kann die fehlende persönliche Beratung durch Servicekräfte online kompensiert werden?
Vor allem durch eine enge Kommunikation mit dem Kunden und das Einhalten des Leistungsversprechens. Ganz wichtig ist, jede Online-Anfrage genauso schnell zu beantworten, als würde der Kunde im Laden vor einem stehen. Zudem muss die Qualität der Produkte stimmen und die Retouren-Abwicklung reibungslos erfolgen. Der Kunde muss immer das Gefühl haben, einen Ansprechpartner zu haben, der ihm beratend zur Seite steht. Niemand bestellt, um etwas zurückzugeben. Es ist meistens bei der Auswahl etwas schiefgelaufen.

: Was braucht es, damit der Verbraucher vom Sofa aufsteht und wieder öfter zum Einkaufen in die Innenstadt geht?
Mit Events, Kooperationen und kreativen Ideen kann man Kunden in den Laden locken. Immer mehr Menschen ändern gerade ihre Verhaltensweisen und fassen den Einkaufsbummel wieder als Erlebnis und Freizeitwert auf – der Besuch im Laden muss also unbedingt Spaß machen! Aber genau genommen brauchen Kunden heute gar nicht vom Sofa aufzustehen. Man kann zum Beispiel auf Instagram mit den Instagram Stories so toll das Shopping Feeling übertragen, dass der User das Gefühl hat, selbst im Laden zu sein.
Ideal wäre, die Geschichte gleichzeitig analog und digital zu erzählen und online in User-Minuten zu denken. Das ist die Zeit, in der sich der Kunde mit dem Laden beschäftigt, und da ist jede Minute sehr wertvoll. Und um das alles für weitere Interessenten sichtbar zu machen, sollten Händler ihre Kunden dazu anregen, zur Aufmerksamkeitssteigerung Bewertungen zu schreiben.
Auf allen möglichen Kanälen, vor allem auch auf Google.

: Welche Möglichkeiten gibt es, online zu gehen und welchen Mehraufwand bedeutet das?
Hier sollte man drei Bereiche unterscheiden: die eigene Webseite, Social Media-Kanäle und den Onlineshop. Die ersten beiden Bereiche sind die wichtigsten. Sobald man dann regelmäßig Produkte auf Anfragen verschickt, kann man sich einem Webshop widmen. Der bringt eine Menge Herausforderungen mit sich: Je nachdem, wie viele Fotos und Texte man von den Lieferanten benutzen kann, braucht das Aufbereiten der Produkte einiges an Arbeitszeit. Und es macht Sinn, dass man nicht nur auf Suchanfragen vertraut, sondern sich aktiv eine eigene digitale Gefolgschaft aufbaut. Je mehr Fans ein Laden schon hat, desto attraktiver wird er auch für weitere Kunden. Wie in einem Restaurant, in dem noch keiner sitzt – sobald Gäste dort sitzen, gesellen sich weitere dazu.
Auch für digital gilt also die altbekannte Regel des Wirtschaftslebens: Man muss erst einmal investieren, um danach zu ernten. Vorerst zumindest Zeit – mit unserer Shop-Plattform Sugartrends vernetzen wir inhabergeführte Läden und wollen vermeiden, dass sie viel Geld in einen eigenen Onlineshop stecken, der dann relativ gesehen zum Ladengeschäft womöglich wenig Umsatz erzeugt. Unser System entwickelt sich technisch immer weiter aus vereinter Kraft aller angeschlossenen Läden. Es haben sich bereits 500 Händler angeschlossen. Es macht so viel Spaß, mitzuerleben, wenn Läden durch neue digitale Aktivitäten Kunden für sich zurückgewinnen und Stück für Stück erfolgreicher werden.

: Welchen Tipp haben Sie für Shopbesitzer, die Hemmungen vor dem Schritt in die digitale Welt haben?
Vernetzt Euch untereinander, probiert aus, setzt Euch zum Abendessen zusammen und lernt voneinander. Man kann sich beispielsweise auf Instagram erst einmal nur anmelden und eine Weile nur gucken. Wichtig ist aber, nicht zu viel beim Wettbewerb zu gucken, sondern einfach selbst genau das zu machen, was beim eigenen Kundenstamm gut funktioniert.
Redet täglich mit Euren Kunden und fragt ganz offen nach Feedback. Sehr viele Menschen freuen sich, wenn sie helfen dürfen. Und dadurch, dass Ihr täglich im Laden mit Kunden sprecht, wisst Ihr auch, was online gesucht wird. Es sind genau dieselben Menschen, die auch im Internet stöbern. Nutzt das tägliche Ladentreiben, um es auch digital zu zeigen. Kunden lieben authentische Geschichten. Man kauft gerne, wo man sich wohlfühlt und mit der Sache identifizieren kann.
Ihr seid Unternehmer – ruft Euch das immer wieder vor Augen – und Ihr habt gegenüber den großen Händlern den Vorteil, dass Ihr Dinge viel flexibler und schneller umsetzen könnt. Lasst Euch nicht von den gigantischen Zahlen im Internet verwirren. Die Besucherzahlen auf der Webseite müssen immer ins Verhältnis mit den Besuchern im Laden im selben Zeitraum gesetzt werden. Und dann wird einem die enorme Kraft des digitalen Schaufensters bewusst.

Tim Lagerpusch im Nordstil-Forum:
Samstag, 12.01.2019, 12:00–12:30 Uhr
zum Thema „Digitale Aktivität zahlt sich aus“


Aus der Ausgabe:

Nordstil Winter 2019

Das offizielle Messemagazin mit den neuesten Produkten und Informationen zu den regionalen Ordertagen im Januar und Juli in Hamburg. Weitere Ausgaben erscheinen zu den Frankfurter Veranstaltungen Heimtextil, Christmasworld, Paperworld, Ambiente und Tendence.